1. Mai: Was eine Schülerin zu sagen hat

Auf der gut besuchten Kundgebung des DGB zum 1. Mai in Bargteheide sprach neben den Vertretern der Gewerkschaften und der Bürgermeisterin zum erstenmal eine Vertreterin der jungen Generation.
Marianka Lipp stellte uns dankenswerterweise ihre Rede zur Verfügung, die wir hier ungekürzt vorstellen.

4. Mai Björn


Hallo, ich bin Marianka Lipp und ich bin Schülerin am BBZ in Oldesloe.
Nach fast 13 Jahren Schule mache ich jetzt mein Abitur
und neben Lernzetteln schreiben und stundenlangem wachbleiben in der Nacht
muss ich mich jetzt irgendwie so langsam entscheiden,
was ich denn nach meinem Abschluss mach.
Und das ist irgendwie gar nicht so einfach.
Ob nun Ausbildung, FSJ oder studieren
Auslandsjahr, FÖJ oder in den Reihen der Bundeswehr marschieren,
so viel Auswahl und doch so wenig Plan,
was mache ich in einer Welt,
in der ich scheinbar alles machen kann?

Und so geht es nicht nur mir.
Ich bin heute für die Schülerperspektive hier,
ich darf sagen, was uns so bewegt
was uns Angst macht,
was uns stört
und vielleicht auch ein bisschen aufregt.

Also:
„was möchtest du später dann mal machen?“
die Frage verfolgt mich
und von all den tausend Sachen
die man darauf antworten könnte
verbleibe ich nur mit einem gequälten Lachen
Nach jeder Hand, die ich schüttle,
an jeden Tisch, an den ich mich setze,
ereilt mich die gleiche Frage und ich danke für das Interesse
aber die Antwort ist: ich weiß es nicht
und du wunderst dich,
wenn ich das sage
„wie du weißt es nicht?“
„du hast doch so viele Möglichkeiten“
„die Welt liegt dir zu Füßen, all die Höhen und die Breiten“
„wir hatten das damals nicht so gut“
„ihr habt so viel mehr Chancen als wir“
und das ist die pauschale Antwort
und immer, immer wieder denke ich mir:
haben wir es wirklich so leicht?
stellen wir uns einfach nur an?
was mache ich in einer Welt,
in der ich scheinbar alles machen kann?
„was wolltest du schon immer mal werden?“

Als ich neun Jahre alt war,
da wusste ich genau, was ich werden will,
nichts war mir entfernt genug
die Welt war frei und bunt und schrill
Ich habe an mich selbst geglaubt
und an das, was ich kann,
der Leistungsdruck war aushaltbar
ich kam, sah, und gewann
niemals hätte ich geglaubt
ich würde weniger verdienen als ein Mann
frei träumte ich mich in meine Zukunft
und ich sah gar nichts schlimmes daran

Aber dann wurde ich älter
und verstand mehr von der Welt
und all die Kindheitsträume
wurden ersetzt durch Sorgen
um Krieg
um Zukunft
um Geld
Und jetzt überdenke ich immer und immer
all die Möglichkeiten zu meinen Füßen
ich betrachte sie in jedem Licht
aber die Antwort auf meine Frage
finde ich trotzdem nicht
Was machst du jetzt eigentlich nach dem Abitur?

Ich würde ja gerne studieren
leider müsst ich dann vor der Uni campieren,
weil Wohnraum schon echt knapp und teuer ist,
und die Zusage von der StuSi noch auf sich warten lässt
Und dann weiß ich noch nicht genau
ob der Studiengang, den ich präferiere,
nicht vielleicht doch betroffen ist von dem Abbau
ausgelöst durch KI
und warum sollte ich 4 Jahre in ein Studium investieren
um am Ende einer KI
meine Anweisungen zu diktieren?

Ich weiß so viel
von Algebra und Gedichtsanalysen
kann dir nachts um drei erzählen
von Wasserstoffbrückenbindungen und Autoprotolysen
ich kann dir auf drei verschiedenen Sprachen ein Bier bestellen
und meine Gute-Nacht Geschichten sind über die Französische Revolution
aber bei Steuer und Versicherungen
da brauche ich immer noch Hilfe
da komme ich nicht weiter mit Improvisation
Lehrinhalte aus dem letzten Jahrhundert
ebnen meinen zukünftigen Weg
da sind essenziell gebräuchliche Sachen
schlichtweg nur im Weg

Schule ist ein Vollzeitjob
unbezahlte Überstunden, ohne richtigen Feierabend
Druck von mindesten 10 Chefs,
wer würde gerne so einen Job haben?
Und das soll mich dann auf mein restliches Leben vorbereiten

Ich weiß so viel
und weiß doch gar nichts
und auf einmal scheint mir jede Möglichkeit
so unerreichbar weit weg

Ich fühle mich eingekesselt in einer Armee aus Problemen
die ich irgendwie alle lösen muss
aber nicht kann
Klimakrise
Inflation
Konflikte im Land und in der Welt
aber keiner sagt mir wie und wann
Und warum ich?
was kann ich denn jetzt dafür?
ich wurde hier hineingezogen
beteiligt war ich nicht
aber trotzdem badet meine Generation das alles aus
und wir bekommen die Wehrpflicht
Und dabei waren wir doch die
die allein gelassen wurden
in der Corona Pandemie
zu lange Zeit sozial isoliert
hat sich da niemand gefragt
was dabei in einem Kinder Kopf passiert?
Natürlich hat uns das frustriert
denn jetzt werden wir kategorisiert
als Gen Z
die sich vor der Arbeit ziert
Wir sind Generation „unfähig“
für Arbeit und für Leistung
unser Sozialstaat wird durch uns gefährdet
denn wir jammern viel zu schnell um Überlastung
wir sind verweichlicht
verwaschen
arbeitsfaul
und viel zu träge
und ständig kommt uns unsere psychische Gesundheit in die Quere

Dabei sind wir die ersten,
die mal wirklich auf sich achten,
die nicht leben, um zu arbeiten,
und das Leben als eine Balance betrachten

Wir suchen gerade unseren eigenen Weg
zwischen Forderungen und Zwängen
von Politik und Gesellschaft,
die uns in Ecken drängen,
zwischen Planlosigkeit und Hilflosigkeit,
wenn KI unsere Pläne sprengen,
und zwischen Medientrubel und Horror Nachrichten,
die uns überladen in rauen Mengen
In meinem Stauß aus Möglichkeiten,
fange ich bei jeder das Zweifeln an,
mein Kopf voll Wissen ist leer,
und überall ist ein Haken dran,
und am Ende
ich weiß nicht was ich machen soll in einer Welt,
wo ich scheinbar alles machen kann

Also
Was will ich nun machen, nach meinem Abitur?
die Antwort ist:
ich weiß es nicht
aber eines weiß ich ganz sicher:
Die Jugend ist der Gesellschaft größtes Geschenk
und ihr braucht uns
genauso wir eure Hilfe brauchen
Also nehmt uns mit!
Das ist mein Apell in die Welt,
denn keine KI und kein Geld,
kann euch das Bezahlen, was ihr an uns verliert,
wenn niemand mehr weiß was er machen soll,
ist die Schule erstmal absolviert

Artikel kommentieren

Artikel kommentieren