Klima- und Hitzeschutz: Noch kein Plan vorhanden!

Hitzeperioden haben deutschlandweit in diesem Jahr nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu rund 12.500 Sterbefällen geführt. Das geht aus dem aktuellen RKI-Bericht zur hitzebedingten Mortalität1 hervor, der die Zeit vom 6. April bis 2. August betrachtet. Die Gesamtzahl der diesjährigen Hitzetoten könnte sogar noch höher als angegeben liegen: Dem RKI zufolge handelt es sich um eine konservative Schätzung.

Die Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Nicola Buhlinger-Göpfarth, kritisierte in der »Rheinischen Post« die Untätigkeit der Regierung: »Fast 10.000 Hitzetote infolge einer einzelnen Woche im Juni sind kein Warnschuss mehr. Der Ernstfall ist bereits eingetreten«, sagte Buhlinger-Göpfarth. Sie kritisierte das regelmäßige Verschwinden des Themas von der politischen Tagesordnung, sobald im Herbst die Temperaturen wieder sinken. Daher sei die hohe Zahl an Hitzetoten »schockierend, aber leider nicht wirklich überraschend«. Pro 100.000 Ein­woh­ne­r*in­nen starben aufgrund der Hitzewelle Ende Juni in Deutschland 11,5 Menschen, in Frankreich dagegen „nur“ 3,9.

Nur vereinzelt sind Krankenhäuser, Pflegeheime und Kommunen auf die Hitze gut vorbereitet. laut einer Umfrage des Paritätischen Gesamtverbandes haben 70 Prozent der 2.800 befragten sozialen Einrichtungen – darunter Kitas, Krankenhäuser und Pflegeheime, aber auch Sozialberatungsstellen – keinen Hitzeschutzplan. Verpflichtet sind sie dazu auch nicht. Denn Hitzeschutz ist Katastrophenschutz und damit laut Grundgesetz Verantwortung der Bundesländer.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft will 31 Milliarden Euro staatlicher Förderung, um Krankenhäuser an den Klimawandel anzupassen und klimafreundlich zu machen. „Seit Jahrzehnten verweigern sich die Länder ihrer Pflicht, die Investitionskosten der Krankenhäuser in tatsächlicher Höhe zu tragen“, beschwert sich DKG-Vorsitzender Gerald Gaß. Ähnlich sieht es in den Pflegeheimen aus. Die Betreiber könnten zwar die Investitionskosten auf den Pflegesatz umlegen, aber das würde die Heimplätze immer teurer machen. Bisher springen aber nur wenig Bundesländer ein.

Die meisten Hitzetoten sterben aber ohnehin nicht in Pflegeheim oder Krankenhaus – sondern zu Hause. Und um dort Leben zu retten, müssen Wärmepumpen oder Klimaanlagen eingebaut, Häuser saniert und die Gesundheitsämter besser ausgestattet werden. Sie könnten wie in Frankreich Hitzeaktionspläne schreiben, Hitzeregister aufstellen und in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen regelmäßig nach ihnen schauen. Die Finanznot der Kommunen und die knappen Budgets der Länder sind der zentrale Grund für den mangelnden Hitzeschutz.

Was bedeutet Hitzevorsorge?

Was bedeutet diese Entwicklung für Städte und Gemeinden, wenn eine ausreichende Hitzevorsorge ausbleibt? Dieser Frage geht die neue BBSR-Expertise „Hitzestress in Städten: Konsequenzen des Nichthandelns2“ nach. Sie entstand im Forschungsfeld „Urban Heat Labs – Hitzevorsorge in Stadtquartieren und Gebäuden“.

Die Expertise warnt vor einer Kettenreaktion: Menschen meiden unbeschattete Wege und Plätze, verzichten auf Fahrten oder steigen häufiger auf klimatisierte Autos um. Dadurch können Verkehr, Emissionen und Abwärme zunehmen – und damit wiederum die Hitzebelastung. Zugleich sinken die Passantenfrequenzen. Das kann Einzelhandel und Gastronomie treffen und die soziale Funktion des öffentlichen Raums schwächen.

Besonders für kleinere und mittlere Kommunen kann dies schwer wiegen. Wenn ein zentraler Platz, eine Einkaufsstraße oder der Bereich rund um das Rathaus während längerer Hitzeperioden kaum noch genutzt wird, verliert ein wichtiger Teil des örtlichen Lebens an Attraktivität. Auch die kommunale Infrastruktur bleibt von hohen Temperaturen nicht verschont. Asphalt kann sich verformen, Gleise können sich verwerfen und Ampeln oder Oberleitungen können ausfallen. Bei Wasser-, Abwasser- und Fernwärmeleitungen drohen Schäden durch ausgetrocknete Böden und Bodensetzungen.

Die Folgen sind ein höherer Wartungs- und Reparaturbedarf, kürzere Lebensdauern und steigende Betriebskosten. Bei extremen Hitzeereignissen können zudem Verkehrsbehinderungen, Stromausfälle und Versorgungsprobleme auftreten. Die Belastung trifft damit ausgerechnet jene Haushalte, die gleichzeitig mehr Geld für die Kühlung ihrer Gebäude aufbringen müssen.

Besonders deutlich werden die Folgen des Nichthandelns in Wohngebäuden. Menschen verbringen rund 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen, davon etwa zwei Drittel im eigenen Zuhause. Die Temperatur in der Wohnung wird deshalb zu einem entscheidenden Gesundheitsfaktor.

Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kinder, Schwangere, chronisch Kranke und Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Hohe Temperaturen können Kreislaufprobleme, Dehydrierung und Schlafstörungen verursachen, chronische Erkrankungen verschärfen und die körperliche sowie geistige Leistungsfähigkeit vermindern. Während langer Hitzeperioden steigt zudem die Sterblichkeit.

Fehlende nächtliche Abkühlung verschärft die Belastung. Wer schlecht schläft, ist am nächsten Tag weniger leistungsfähig und psychisch stärker beansprucht. Damit reicht die Wirkung weit über die Wohnung hinaus: Arbeitsfähigkeit und Produktivität sinken, Krankheitsausfälle nehmen zu und das Gesundheitssystem wird stärker belastet.

Hitze- und Klimaschutz gegen soziale Ungleichheit

Wie gut sich Menschen vor Hitze schützen können, hängt stark von ihren finanziellen Möglichkeiten und ihrer Wohnsituation ab. Gut gedämmte Gebäude, außenliegender Sonnenschutz, wirksame Nachtlüftung und ein grünes Wohnumfeld verringern die Belastung.

Die Expertise beschreibt deshalb auch das mögliche Szenario einer „klimabezogenen Gentrifizierung“. Gut angepasste und kühlere Wohnlagen könnten stärker nachgefragt und teurer werden. Haushalte mit geringem Einkommen müssten dagegen häufiger in überhitzten, schlecht sanierten Gebäuden und benachteiligten Quartieren verbleiben.

Auch öffentliche Freiflächen können ihre Ausgleichsfunktion verlieren. Werden Spielplätze, Grünanlagen und Nachbarschaftstreffpunkte während Hitzeperioden kaum noch nutzbar, gehen Möglichkeiten zur Erholung und Begegnung verloren. Besonders ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität ziehen sich dann stärker zurück. Soziale Isolation und gesundheitliche Risiken können sich gegenseitig verstärken.

Auch für Gewerbegebiete hat mangelnde Anpassung weitreichende Folgen. Große Dach- und Parkplatzflächen, ein hoher Versiegelungsgrad und wenig Grün begünstigen die Aufheizung. Hinzu kommt die Abwärme von Maschinen, Produktionsanlagen und Kühltechnik.

Die Expertise zeigt , an wie vielen Stellen diese entstehen: Kommunen müssen mehr Geld für Straßenreparaturen, Leitungsnetze, Baumpflege und Ersatzpflanzungen aufbringen. Gesundheitssystem und Rettungsdienste werden stärker beansprucht. Haushalte zahlen höhere Stromkosten. Eigentümer müssen zusätzliche Sanierungen finanzieren. Unternehmen tragen Produktionsausfälle und steigende Betriebskosten.

Zugleich warnt das BBSR davor, Hitzerisiken isoliert zu betrachten. Gesundheit, soziale Lage, Gebäudebestand, Mobilität, Stadtgrün und Infrastruktur hängen eng zusammen. Fällt an einer Stelle eine Schutzfunktion weg, kann dies Belastungen in anderen Bereichen verstärken.

Für Kommunen folgt daraus, dass Hitzevorsorge frühzeitig und über Fachgrenzen hinweg geplant werden muss. Stadtplanung, Hoch- und Tiefbau, Grünflächenpflege, Gesundheitswesen, soziale Dienste, Wirtschaftsförderung und Bevölkerungsschutz sind gleichermaßen betroffen. Verschattung, Entsiegelung, klimaangepasste Bäume, widerstandsfähige Infrastrukturen und ein wirksamer sommerlicher Wärmeschutz sind damit keine Einzelmaßnahmen. Sie sind Bestandteile kommunaler Daseinsvorsorge.

Die zentrale Botschaft der Expertise ist eindeutig: Je länger Städte und Gemeinden mit der Anpassung warten, desto größer werden gesundheitliche Risiken, soziale Ungleichheiten und wirtschaftliche Belastungen. Hitzevorsorge kostet in der Tat Geld. Aber das Nichthandeln dürfte auf Dauer jedoch erheblich teurer werden.

Statt Aktionismus braucht es Klimaschutz- und Anpassungsstrategien

Für den Hitzeschutz sind in Deutschland die Städte und Gemeinden zuständig. Allerdings sind die kommunalen und teilweise landesweiten Hitzeaktionspläne weder einheitlich noch verpflichtend. Hinzu kommt, dass viele Kommunen kaum Geld und schon jetzt Schwierigkeiten haben, ihre regulären Aufgaben zu finanzieren. Zwar gebe es gute Förderprogramme, sagt der Vizepräsident des Deutschen Städtetags, Uwe Conradt – doch diese kämen nicht überall an. Denn wer kein Personal habe, um Förderanträge zu stellen, gehe leer aus.  

Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte im Juli 2023 den „Hitzeschutzplan für Gesundheit“ präsentiert, ein Jahr später folgte das Klimaanpassungsgesetz. Darin werden die Länder aufgefordert, Klimaanpassungsstrategien zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass Kommunen eigene Klimaanpassungskonzepte erarbeiten.

Klimaanpassung zielt darauf ab, die Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Das Gesetz selbst gibt aber nur einen Rahmen vor. Da die Klimaanpassung als kommunale Aufgabe festgelegt ist, fallen die Maßnahmen regional sehr unterschiedlich aus.

Für die schwarzrote Bundesregierung hat der Hitzeschutz offenbar wenig Priorität. Noch bis zum vergangenen Jahr unterstützte der Bund den Umbau von sozialen Einrichtungen, damit diese sich an den Klimawandel anpassen können. Pflegeheime, Kitas und Schulen konnten Zuschüsse beantragen. Doch dieses Programm wurde für 2026 gestrichen. 

Hitzeschutz sollte Teil von Krisenvorsorge und Katastrophenschutz werden, fordern mehr als 150 Organisationen aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft, darunter die Bundesärztekammer, die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit und der Deutsche Pflegerat. Bund, Länder und Kommunen müssten klare Zuständigkeiten erhalten, Risikogruppen besser geschützt und das Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen für Hitzelagen gestärkt werden – auch finanziell.

Umweltminister Schneider fordert nun, den Hitzeschutz zur Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen zu machen. Er stellt zu recht fest: „Es ist keine Fiktion mehr, es ist keine Drohung mehr, sondern es ist real erlebbar.“ Er fordert, für Hitzeschutz sollen künftig nicht nur die Länder und Kommunen zuständig sein, sondern auch der Bund. Das ist nämlich bislang nicht der Fall. Mit Blick auf den neuen Verkehrsminister ,Steffen Bilger (CDU), mahnte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) weiterreichende Maßnahmen an: „Eine reine Vertiefung von Flüssen kann keine Antwort sein, sondern es braucht einen stärkeren Umbau unserer Flüsse oder wieder Rückbau – weg von Kanälen hin zu natürlichen Flüssen mit mäandernden Flussarmen, mit Flussauenlandschaften, die das Wasser in der Fläche halten.” Er kritisierte:“Mir sind in vielerlei Punkten die Hände gebunden, ich kann Klimaschutzmaßnahmen oder Klimaanpassungsmaßnahmen wie Finanzierung von Klimaanlagen oder Verschattung nur unter sehr schweren Bedingungen möglich machen.“

Damit auch der Bund sich an solchen Maßnahmen beteiligen kann, müsste das Grundgesetz geändert werden. Klimaanpassung müsste zur sogenannten Gemeinschaftsaufgabe erklärt werden. Für die kommenden Monate kündigt Schneider einen konkreten Vorschlag dafür an.

Verkehrsminister Steffen Bilger dagegen traf sich mit den Verkehrsministern der Länder, um die Beschlüsse seines Ministeriums vorzutragen. Etwa die Aussetzung des Lkw-Fahrverbots an Sonntagen in immer mehr Bundesländern. Und über Maßnahmen, die noch getroffen werden könnten. Da geht es um Schiffe, die auch mit niedrigerem Wasser klarkommen. Um bessere Ablade- und Umschlagsmöglichkeiten an Binnenhäfen. Und auch ein weiteres Ausbaggern der Flüsse sei denkbar, sagt Bilger dem Sender n-tv. „Wir können damit umgehen. Das nennt man dann Klimaanpassung. Und dazu gehört für mich dann auch an einigen Stellen ein Ausbau der Wasserstraße, aber auf den ökologischen Ausgleich werden wir sehr achten.“

Der NABU kritisiert diese angedachte Vertiefung der Fahrrinnen. „Wer jetzt Millionen in weitere Vertiefungen steckt, riskiert ein Fass ohne Boden: Die Bauprojekte dauern viele Jahre, während Extremwetter und sinkende Wasserstände den technischen Lösungen längst davonlaufen.”

Auch die Umweltschutzorganisation WWF warnte vor Fahrrinnen-Vertiefungen in Elbe, Oder, Weser oder Rhein. „Sie schaden mehr als sie nützen.” Durch die Vertiefung eines Flusses werde das Wasser darin nicht mehr, sondern stärker gebündelt und die Umgebung noch mehr entwässert.

Immerhin macht sich die schwarz-grüne Landesregierung in Schleswig-Holstein auf den Weg. Die Hitzewellen und schnellen Wetterumschwünge dieses Sommers sorgen bei vielen Menschen für ein mulmiges Gefühl. Mit der vorliegenden Klimaanpassungsstrategie will die Landesregierung die negativen Auswirkungen des Klimawandels in Schleswig-Holstein bestmöglich mindern.

„Mit der vorliegenden Klimaanpassungsstrategie wollen wir die negativen Auswirkungen des Klimawandels in Schleswig-Holstein bestmöglich mindern. Und gleichzeitig sich ergebende Chancen für eine nachhaltige Entwicklung von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt nutzen“, sagte Umweltminister Goldschmidt im Rahmen der Vorstellung und machte deutlich, dass Klimaanpassung eine Gemeinschaftsaufgabe ist: „Dies ist keine Aufgabe für ein Bundesland oder eine Kommune allein. Wir werden eine Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung brauchen, um unsere Kräfte für die Zukunft zu bündeln. Das Grundgesetz muss entsprechend geändert werden. Der bessere Schutz des Lebens der Menschen in diesem Land erfordert das.“

Die neue Strategie wurde ressortübergreifend erarbeitet. Berücksichtigt wurden Stellungnahmen von 30 Expertinnen und Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft sowie die Ergebnisse der Klimarisikoanalyse und des Klimafolgenmonitoring des Landes.

Eine breitere Öffentlichkeit hatte außerdem im Rahmen der Klimaanpassungskonferenz die Möglichkeit, sich umfangreich einzubringen. Immerhin ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

1 https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html

2 https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/bbsr-online/2026/bbsr-online-31-2026-dl.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Björn Radke 15.08.2026

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