Auf dem ersten Abend des neuen Veranstaltungsformates „Agrar-Dialog“ des Orstverbandes Trave-Land zur „Zukunft der Landwirtschaft“ im Landhaus Schulze-Hamann kam die Frage auf, wie denn der Widerspruch aufgelöst werden kann zwischen dem Anspruch der Produzenten auf adäquate Preise für ihre Produkte und dem Anspruch der Endverbraucher auf bezahlbare Preise. Daraus entstand die Idee einer Folgeveranstaltung, die nun unter dem Titel „Agrar-Dialog 2: Gerechte Preise – bezahlbare Preise, wie kann das gehen? … und dann noch Hitze und Dürre“ am 6.10. im Dorfgemeinschaftshaus in Weede stattgefunden hat.

Auch dieses mal saßen kompetente Gäste auf dem Podium: Stephanie Wetekam (Geschäftsführerin Landwirtschaftskammer), Jan Holst-Oldenburg aus Nahe (für den Kreisbauernverband Segeberg), Goetz Resenhoeft (Gut Hülsenberg) und Frank Gadow (Schönmoorer Hof). Zu Beginn des Abends erinnerte Björn Radke (Co-Sprecher des Ortsvereins und Moderator) an das Anliegen dieses Veranstaltungsformates. Es sei wichtig, miteinander ins sachliche Gespräch zu kommen und dies mit der Bereitschaft des gegenseitigen Respekts. Das sei angesichts der jüngsten Entwicklungen dringend von Nöten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zu Beginn der Diskussion stellten sich die Gäste mit ihrer Arbeit vor. Stephanie Wetekam ist seit Januar 2026 die neue Geschäftsführerin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH) und damit die erste Frau an der hauptamtlichen Spitze in der 125-jährigen Geschichte der Kammer. Die gebürtige Hessin stammt aus einer landwirtschaftlichen Familie mit eigenem Betrieb (Ackerbau) und bringt langjährige Verwaltungspraxis sowie Branchenerfahrung mit. Sie leitet die Verwaltung der Kammer am Hauptsitz in Rendsburg und trägt die Verantwortung für rund 400 Beschäftigte an verschiedenen Standorten in Schleswig-Holstein. Zu Beginn ihrer Amtszeit liegt ihr Fokus stark darauf, ein lokales Netzwerk aufzubauen, den direkten Austausch mit den Betrieben vor Ort (wie Milchvieh- und Gartenbaubetrieben) zu suchen und aktuelle landwirtschaftliche Themen in Schleswig-Holstein anzugehen.
Sie sieht die Kammer als Dienstleisterin für die Umlage zahlenden Betriebe und will daher „Augen und Ohren offen halten“. Ihr sei besonders wichtig zu schauen, in welchen fachlichen Bereichen die landwirtschaftlichen, gartenbaulichen, forst- und fischereiwirtschaftlichen Betriebe Bedarfe haben. Landwirtschaftliche Betriebe können und müssen sehr viel leisten – auch im Kontext von Naturschutz, Tierwohl und Klimaschutz. Das gelinge jedoch nur, wenn auch die wirtschaftliche Grundlage gesichert sei. Die Landwirtschaftskammer könne im besten Fall die Lücke zwischen Theorie und Praxis schließen. Im Versuchswesen wird überprüft, wie Düngung, Pflanzenschutz oder Fütterung angepasst werden können, idealerweise bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung. Ohne dass einzelne Betriebe das wirtschaftliche Risiko alleine tragen müssen.
Schon in dritter Generation bewirtschaftet Jan Holst-Oldenburg den 30 Hektar großen Familienbetrieb. Als Obstbaumeister leitet er den landwirtschaftlichen Betrieb in Nahe. Diskussionfreudig fand er, der auch den Kreisbauernverband vertrat, deutliche Worte zum gegenwärtigen Stand der Landwirtschaft. Er habe aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen seinen Kindern eigentlich abgeraten den Hof zu übernehmen. Diese seien aber mit Leidenschaft eingestiegen. Jan Holst-Oldenburg sieht mehrere Hürden, die die Arbeit so schwer machen: Der Mindestlohn sei zu hoch und sei für die kleineren Betriebe nicht zu stemmen. Er teile die Kritik an den fünf großen Vertreibern wie EDEKA, LIDL, ALDI etc. als alleinige Verursacher der zu niedrigen Preise nicht, wie sie oft auch von Landwirten geäußert werde. Er sieht „die Verbraucher“ in erster Linie in der Verantwortung. Würden die vielen Sonder-Billig-Aktionen der Handelsketten von den Verbrauchern nicht angenommen, würden die Handelsketten diese Aktionen sofort zurücknehmen. Das könne eben der „freie Markt regeln.“
Über diese Einschätzung entspann sich eine lebendige Diskussion. Die pauschale Adressierung an „den Verbraucher“ berücksichtige nicht, dass viele Menschen mit kleinem Einkommen auf die niedrigpreisigen Angebote angewiesen seien. Einigkeit bestand darin, dass hier eine Aufgabe der Politik wäre, im Bildungsbereich Initiativen zu starten, das Wissen um die Ernährung und Herstellung der Lebensmittel in der Gesellschaft weiter zu verbreiten. Die Schulen allein in die Verantwortung zu nehmen, überfordere die Lehrer.
Jan Holst-Oldenburg sprach sich auch gegen Subventionen aus. Er wolle von diesen nicht abhängig sein. Da solle der Staat sich zurückhalten, zumal die Subventionen von „uns Steuerzahlern“ schon alle vorgestreckt seien. Dagegen stand die Position, dass doch landwirtschaftliche Unternehmen gäbe, die neue Wege gehen wollen, aber dazu nicht ausreichend grundfinanziert seien. Da sei finanzielle Unterstützung sinnvoll.
Eine weitere Hürde sieht Jan Holst-Oldenburg in der Bürokratie. Zu Kopfschütteln bei allen Beteiligten führte sei genanntes Beispiel, die Verpackungsverordnung: Für seine Erdbeeren kaufe er Schalen, wolle er diese mit seinem Logo bedrucken, gelte er als Hersteller und müsse nun dokumentieren, aus welchen Stoffen diese Schale zusammengesetzt sei. Darüber hinaus sei er für die Entsorgung verantwortlich. Auch die Dokumentationspflichten für das statistische Landesamt seien völlig überzogen und unproduktiv. So müsse er vor der Saison schon dokumentieren, mit welchen Ernteerträgen er rechne.
Goetz Resenhoeft bestätigte im wesentlichen die Positionen seines Kollegen. Es gebe schon immer – bedingt durch die Wetterphänome – gute und schlechte Jahre, das mache es nicht einfach Ertragsprognosen zu liefern.
Jan Holst-Oldenburg brachte den Vorschlag an die Politik auf den Tisch, die Gewinne aus den guten Ertragsjahren teilweise als Rücklage für schlechte Jahren zurücklegen zu dürfen, ohne sie versteuern zu müssen. Dann sei man auch in schlechten Jahren nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen.
Goetz Resenhoeft wies darauf hin, dass die Entwicklung der Landwirtschaft enorme Fortschritte gemacht habe, was Tierwohl, Stickstoffreduzierung, Saatgut, Ackerbearbeitung angehe. Der Klimawandel habe eben auch zu diesen Entwicklungen geführt. Er sehe auch, dass es die kleineren Viehbetriebe nicht leicht haben und der Strukturwandel – auch aufgrund des Klimawandels – die Zahl der kleineren Betriebe verringern wird.
Frank Gadow betonte, dass er aufgrund der beschränkten Größe seines Betriebes auf mehrere Standbeine setze. Nach der Geflügelpest im letzten Jahr, die auch seinem Betrieb schwer zugesetzt habe, stand er kurz vor der Aufgabe. Aber man habe sich anders entschieden und zusätzlich ein Hofcafé eingerichtet. Auf dem Hof kommen Landwirtschaft, Therapie und soziale Projekte unter einem Dach zusammen.
Allen Beteiligten wurde im Laufe des Abends deutlich, dass es aufgrund der vielen unterschiedlichen Ausgangslagen sehr schwer ist, allgemeingültige Rahmenbedingungen für eine ausgleichende Preisgestaltung zu schaffen. An die Adresse der Politik gerichtet, hieß es von allen vier Diskutanten: Die Landwirtschaft ignoriert nicht den Klimawandel. Aber die gesetzten Qualitäts- und Haltungsstandards in Deutschland seien zu hoch und damit gegenüber anderen Landwirtschaften der EU nicht konkurrenzfähig, da zu teuer. Vielfach würden selbst die in der EU geltenden Standards unterlaufen. Frau Wetekam wies darauf hin, dass selbst die Beschlüsse der Borchert-Kommission am Ende nicht umgesetzt, sondern im Sande verlaufen seien. Bis die EU insgesamt zu einem gemeinsamen Standard käme, müsse zumindest in Deutschland die Entbürokratisierung beschleunigt werden.
Wie zu erwarten, wurde an diesem Abend keine Gesamtlösung aus dem Hut gezaubert. Aber solche Gesprächsrunden – darüber waren sich alle einig – könnten zu einer Sensibilisierung über die Herausforderungen der Landwirtschaft in der sich verändernden Welt beitragen. Die 25 Anwesenden haben durchaus viel Neues mitnehmen können. Unseren Gästen überreichten wir zum Abschied und Dank ein kleines Präsent aus der Kalkberg Kaffeerösterei.
Unser Dank geht auch an Bernd Sulimma, Bürgermeister der Gemeinde Weede und an Frau Hartung vom Dorfgemeinschftshaus in Weede, die uns das Haus für unsere Veranstaltung zur Verfügung gestellt haben.
Björn Radke (Co-Sprecher OV Trave-Land)
Artikel kommentieren
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.